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Das Mädchen von
Tamzara
Mitte der 1960er Jahre erschien in New York eine LP eines »Ethnic
Armenian Orchestra«, einem Sextett aus eingewanderten Libanesen
und Juden, unter der Leitung des in Bagdad geborenenen Multitalentes Hakki
Obadia. Einer der Tracks ist ein Medley, der Titel lautet »Tamzara
Girl«.
Es überrascht zu Beginn mit einer wohlbekannten Melodie aus dem alten
Russland, »Der letzte Fünfer« (Za posljednjuju pjatjorku)
aus dem Genre der Kutscherromanzen. Komponist und Dichter nicht mehr bekannt.
Im (hier nicht gesungenen) Text, wie üblich als Monolog an den Kutscher,
geht die wilde Fahrt im Dreigespann zur Stadtgrenze, wo die Zigeuner rauschende
Parties für lebenshungrige oder überdrüssige Aristokraten
veranstalten, bis auch das allerletzte Fünfrubelstück verausgabt
ist. Solche Lieder wurden im 19. Jahrhundert von als Zigeunerin gewandeten
Opernsängerinnen auf kleinen Bühnen vorgetragen, die Notationen
für den Hausgebrauch für Klavier und Gesang vom Musikverlagen
in Moskau und St. Petersburg herausgegeben (darunter auch der Leipziger
Verlag Zimmermann). Während man diese Melodie nach der Jahrhundertwende
in der Szene der Emigrantentreffs in Berlin und Paris mehrmals am Abend
hören konnte, wurde sie in Russland erst nach dem Untergang des Kommunismus
wieder öffentlich zu Gehör gebracht. Solche Lieder waren den
Kulturkommissaren ein Dorn im Auge: Texte, die von Defaitismus und Schicksalsergebenheit
des alten Russlands durchdrungen erschienen, galten als bourgeois, morbide,
fortschrittsfeindlich und wurden verboten, allerdings nicht ausnahmslos:
Es gibt Einspielungen einiger sehr ähnlicher »Heißa Trojka!«
und Kutscher-Romanzen von namhaften Gesangssolisten mit dem Volksinstrumenten-Ensemble
des Chors der Roten Armee, - unter der Ehrfurcht gebietenden Rubrik "Volkslied".
Auf den »Letzten Fünfer« folgt im »Tamzara Girl«
eine ebenfalls orientalisiert anmutende Melodie, die zu einem Tanz »Naurskaja
Lezginka« gehört, gleichfalls aus dem alten Standardrepertoire
der Balalaikaensembles der Emigration. Lezginkas, eigentlich ein sehr
schneller kaukasischer Tanz, der nominell dem Volk der Lezginen (in Daghestan)
zugeschrieben wird, gibt es viele und sehr verschiedene. Der Name dieser
Melodie bezieht sich auf den Rayon Naurskaja am Fluss Terek in Tschetschenien
- Armenien ist nicht in der Nähe, liegt jenseits des Kaukaus.
Die gleiche Melodie ist auch als Trinklied aus dem Studentenmilieu im
alten Russland bekannt, Titel »Kak duschok Tzwjetotschek«
(Wie der Duft der Blumen). Der Text vermittelt die kühne Behauptung,
dass das dem Becher entströmende Bukett des Weines dazu vorherbestimmt
sei, dem Zecher Ehre zu erweisen, - bis schließlich der Pokal mit
dem Ruf »pej do dna!« (»auf ex!«) ohne gustatorische
Umschweife hinuntergespült wird, verbunden mit der Warnung »Wer
nicht austrinkt, bekommt nichts nachgeschenkt«. Auch dieses Lied
konnte nicht den Beifall der Kulturkommissare finden, auch in der Gorbatschow-Ära
nicht. Der »Mineralsekretär« hatte bekanntlich den größten
Teil des Weinanbaus in der Sowjetunion vernichten lassen.
Wie kommen die »Ethnic Armenians« in Brooklyn darauf, antiquierte
Romanzen und ebenso betagte Gesänge trinkfreudiger Studenten aus
dem alten Russland mit der Folklore der Armenier zu verbinden? Was bedeutet
Tamzara?
Am 1. Dezember 1895 wird in britischen und französischen Zeitungen
von Massakern der Osmanen an der armenischen Bevölkerung im Nordosten
Anatoliens berichtet. Die erstmaligen Erwähnungen dieser Geschehnisse,
denen im 20. Jahrhundert noch ein millionenfacher Völkermord folgen
wird, werden seitdem mit dem Ortsnamen Tamzara in Verbindung gebracht.
Der Name dieser Kleinstadt geht auf den armenischen Namen Tamuz Ara zurück,
einen sagenhaften Held im frühchristlichen Königreich der Armenier
in Anatolien. Der Ort existiert heute wohl nicht mehr, er soll im Villayet
Erzurum gelegen haben, in dem viele Ortschaften durch Erdbeben vernichtet
wurden. Der Name eines Sees »Tamzara gölü« erinnert
an ihn.
Es wird allerdings auch von einem gleichnamigen, anderen Ort an der einst
von den Pontos-Griechen besiedelten anatolischen Schwarzmeerküste
berichtet, in der Nähe der Kreisstadt Nikopolis (in griechischer
Schreibweise - mit Sigma – »Tamsara«). Die Bevölkerung
hatte je zur Hälfte aus Griechen und Armeniern bestanden, unter osmanischer
Verwaltung. Auch hier wurde die armenische Bevölkerung gewaltsam
vertrieben, die Griechen mussten ebenfalls, aber erst später in den
20er Jahren, verschwinden.
Auf die Pontos-Griechen geht ein bäuerlicher Reihentanz namens »Tamsara«
zurück, der der gleichnamigen Ortschaft zugeschrieben wird, und der
wie bei fast allen pontischen Tänzen ein Pendant in der türkischen
Folklore hat, das hier ebenfalls Tamzara heißt. Die einfache fünftönige
Melodie hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem Material aus dem Medley
»Tamzara Girl«.
Wie die transkaukasischen Gebiete war auch der angrenzende Nordosten des
osmanischen Reiches in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer
wieder von Truppen des Zaren besetzt, der sich als Schutzherr für
die christlichen Armenier und Georgier verstand. Der Einfluss der russischen
Kultur auf diese Regionen ist gerade in der Musik erheblich gewesen, was
sich u. a. an der Verbreitung des Akkordeons und der damit verbundenen
Einbringung harmonischer Ansätze in den bislang ohne Akkordbegleitung
angelegten Musikkulturen dieser Gebiete ablesen lässt. Dass daneben
auch russische Melodien Eingang fanden, ist daher nicht verwunderlich,
ganz besonders derart populäre Lieder, wie etwa jener »letzte
Fünfer«, der in einer arabisch gesungene Fassung bis in die
Levante gelangt ist. Wie bei den Armeniern sind auch in die Musik der
Pontos-Griechen russische Melodien einverleibt worden, wie der allseits
bekannte Tanz Kosatschok, der in Anatolien »Kazaska« hieß.
Das seit Ende der 60er Jahre sehr erfolgreiche aus dem Iran stammende
West-Berliner Folk-Ensemble »Perspolis« hatte die »Letzter
Fünfer«-Melodie in der Spielweise des »Ethnic Armenian
Orchestra« übernommen, aber anstelle der folgenden »Naurskaja«
eine aus anderer Quelle stammende kaukasische Tanzmelodie eingesetzt,
(deren Titel nicht bekannt ist). Nach dem Vorbild der Platte wurde auch
noch ein Taksim mit zugrundeliegendem Shifte-Telli-Rhythmus eingebaut
und das ganze unter Beibehaltung des Titelwortes »Tamzara«
in die armenische Abteilung des kaukasisch-persischen Repertoires der
Gruppe aufgenommen.
Der »Letzte Fünfer« ist auch Teil der in Arbeit befindlichen
neuen CD-Produktion des Kasbek-Ensembles, hier ist ein Ausschnitt zu hören.
Im wesentlichen wurde die obige Konzeption übernommen, was einer
langen Freundschaft und Zusammenarbeit des Kasbek-Ensembles mit den in
Berlin ansässig gewordenen Musikern aus Teheran zu verdanken ist.
Die Gruppe, deren Kern die drei Gebrüder Ali-Abassi bilden, tritt
heute unter dem Namen BALABAN
auf.
Auch als gesungenes Lied ist das Stück in Berlin wieder präsent.
Mit einem neueren russischen Text und einem etwas veränderten Refrain
gehört der Titel zu den Paradestücken der Sängerin SUZANNA,
die das Lied von ihren Aufenthalten in der Musikszene der Russen in Paris
mitbrachte. |