50 Jahre Kasbek-Ensemble

Jiddische Lieder, Klezmer, russische und rumänische Weisen, Klänge vom Balkan sowie Lieder der Roma stehen auf dem Programm, wenn das Ensemble Kasbek in Erscheinung tritt. Seit nunmehr knapp 50 Jahrren besteht nun schon die Berliner Gruppe, die sich in ihrer Heimatstadt seit langem einen legendären Ruf erworben hat. Vielleicht deshalb, weil das Quartett niemals von seiner Kunst leben musste. Die Musik Osteuropas wird von dem Arzt, dem Pfarrer, dem Architekten und dem Journalisten aus reiner Leidenschaft praktiziert - das allerdings mit hochprofessionellem Anspruch.

 

 

In Konzertsälen fühlt sich das Ensemble ebenso zuhause wie in Kneipen, und da die flotten Klänge auch das Tanzbein anregen, ist das Kasbek-Ensemble gern gesehener Gast auf Straßenfesten und Hochzeiten der verschiedensten Volksgruppen in Berlin. Die Begegnung mit den unterschiedlichen Kulturen schlägt sich natürlich auch in dem vielfältigen Repertoire der Band nieder. Ohne auf der modernen Weltmusikwelle mitreiten zu wollen, zaubert das Kasbek-Ensemble eine wahrhaft multikulturelle Mixtur.

Alles beginnt in den frühen sechziger Jahren. West-Berlin, kurz nach dem Bau der Mauer: Die Stadt lebt in ständiger Furcht vor dem Kommunismus, wendet sich auch in kultureller Hinsicht den westlichen Schutzmächten zu. Während die Jugend ganz auf englische und amerikanische Popmusik fixiert ist, verblüffen drei junge Straßenmusiker mit russischer Folklore. Frieder Breitkreutz (Geige), Andreas Karpen (Balalaika) und Christian Müller (Kontrabaß-Balalaika) müssen dem Publikum der geteilten Stadt wie Wesen von einem anderen Stern vorkommen.

In den russischen Emigranten-Kneipen rund um den Halensee sind die jungen Leute besonders willkommen. Aus diesen Kreisen stammt auch ein Lied, das dem Ensemble seinen Namen gibt: »Kasbek«. In der Berliner Folk-Szene, die ab Mitte der sechziger Jahre ein großes Publikum in unzählige Musiklokale lockt, macht sich Kasbek in variierender Besetzung schnell einen Namen. Im Unterschied zu vielen Folk-Musikern, die in jenen Jahren national und international Karriere machen, bleiben die »Berliner Russen« dagegen relativ bodenständig. Mit dem Ergebnis, dass es Kasbek auch Ende der Siebziger noch gibt, als viele Folk-Größen längst wieder in der Versenkung verschwunden sind. Mit der Sängerin Fanja Czempin stehen nun die Lieder der osteuropäischen Roma im Mittelpunkt.

Bis auf eine kurze Tournee mit den Bolschoi Don-Kosaken dienen die vielen Reisen durch ganz Europa mehr dem Spaß und der Erweiterung des eigenen Horizontes. Irland, wo die Gruppe auf begeisterte Zuhörer trifft, Frankreich, Griechenland, Rußland und das ehemalige Jugoslawien lauten die wichtigsten Stationen. Vor allem der Balkan übt in musikalischer Hinsicht große Faszination auf das Ensemble aus und bereichert das Repertoire seit Beginn der achtziger Jahre erheblich.

1984, Kasbek ist gerade auf der Suche nach einem neuen Sänger, trifft die Gruppe auf Uwe Sauerwein (Gesang, Gitarre), der mit einem Soloprogramm mit jiddischen Liedern und Geschichten auftritt. Mit dem neuen Mitglied wendet sich Kasbek verstärkt der jüdischen Klezmer-Musik zu und sorgt damit, als einzige Band dieser Art in der Stadt, für Furore. Unter anderem gastiert Kasbek als einzige einheimische Band bei den Jüdischen Kulturtagen Berlin und tritt mit internationalen Klezmergrößen wie Brave Old World, Giora Feidman oder den Klezmatics auf.

Nach dem Fall der Berliner Mauer avanciert die wiedervereinigte Stadt vor allem durch die zahlreichen jiddischen Bands aus dem ehemaligen Ostteil zur europäischen Klezmer-Metropole. In dieser quicklebendigen Szene erfreut das älteste Ensemble heute ein Publikum, das mittlerweile aus mehreren Generationen besteht. Im Musik-Wettbewerb »Musica Vitale«, der vom Berliner Senat unterstützt wurde, belegt Kasbek 1995 den zweiten Platz unter mehr als 40 Teilnehmern. In der Begründung der Jury heißt es »Kasbek spielen nicht Musik, sie sind Musik.« Im Gremium sitzt Cherif Khaznadar, Direktor des Maison des Cultures de Monde in Paris, der sich spontan entschließt, mit Kasbek eine CD zu produzieren. »Klezmer á la russe« erscheint 1996 beim französischen Label Inedit und wird von der Gruppe in sechs erfolgreichen Konzerten in Paris vorgestellt. 1999 feiert Kasbek beim Festival »mela musique« im Pariser Stadtteil La Vilette große Erfolge, im Gepäck die neue CD »Bagels & Bublitschki«, kein reines Klezmer-Album sondern die Kasbek-Mischung aus Jiddisch, Russisch und Balkan.

Es folgen Phasen der Ruhe, die Musiker sind beruflich eingespannt, Anfragen für Gastspiele müssen deshalb oft abgelehnt werden. Es geht in erster Linie nicht darum, möglichst viele Konzerte zu spielen. Die Sehnsucht nach unbekannten Klängen, die Lust, immer wieder Neues zu probieren bzw. bekannte Melodien in neuem Licht zu sehen ist ungebrochen.

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